Die Rückenversteher | 5 min Lesezeit

Akute Rückenschmerzen – warum tut mein Rücken so weh und keiner weiß wieso?

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Akute Rückenschmerzen an einer Wirbelsäule mit Schmerzpfeilen gezeichnet

85% der Deutschen leiden mindestens einmal im Leben unter akuten Rückenschmerzen [1]. Aber wie entstehen diese Schmerzen? Und haben all diese Menschen tatsächlich einen „kaputten“ Rücken? In diesem Artikel bekommst du spannende Infos darüber, warum akute Rückenschmerzen entstehen. Diese Informationen werden dir helfen, deinen Rücken so zu behandeln, dass deine Schmerzen schnell wieder das Weite suchen.

Je intensiver akute Rückenschmerzen desto schlimmer der Schaden?

Viele Menschen sind der Meinung, dass die Schwere ihrer Rückenschmerzen etwas über das Ausmaß der Schädigung in ihrem Rücken aussagt. Das stimmt so nicht. Schmerz kann nämlich je nach Kontext leichter oder schwerer ausgelöst werden [3].

Handballer im Wurf gezeichnet
Je nach Kontext ist Schmerz schwerer auszulösen oder leichter

Denk zum Beispiel einmal an die Handball WM 2019 in Deutschland und Dänemark. Wenn ein Spieler den entscheidenden Treffer wirft, wird er förmlich überrannt von seinen Mitspielern. Sie werfen sich auf ihn und ein Gesamtgewicht von bis zu einer Tonne lastet auf ihm. Aber anstatt vor Schmerzen zu schreien, rappelt er sich wieder auf und spielt weiter. Meistens sogar besser, als zuvor.

Umgekehrt ist es bei den meisten Rückenschmerzen in unserer Bevölkerung. 70% der Rückenschmerzen sind nämlich unspezifisch oder ideopathisch. Das heißt, es lässt sich keine ursächliche Verletzung für den Schmerz finden. Weder ein Bandscheibenvorfall, noch eine andere Verletzung der Strukturen im Rücken [10]. Eigentlich würdest du dir hier sicher denken: Wenn es keine kaputte Struktur gibt, dann kann es auch keine Schmerzen geben [3].

Aber der Schmerz ist doch da. Wir spüren ihn doch. Oder ist das etwa Alles nur Einbildung?

Deine Schmerzen entstehen ohne Ausnahme immer im Gehirn

Mit Einbildung haben deine Rückenschmerzen nichts zu tun. Jeder Schmerz ist real. Denn alle Schmerzen entstehen im Gehirn. Das Gehirn entscheidet nämlich, ob dein Rücken schmerzt oder eben nicht. Um diese Entscheidung zu treffen, bekommt es viele Informationen von deinem Körper. Überall in deinem Gewebe befinden sich kleine Sensoren, die dein Gehirn darüber informieren, was in deinem Körper gerade so los ist [3].

Deine Sensoren können über benachbarte Nervenzellen eine Gefahrenmeldung an das Rückenmark weitergeben (hier entsteht aber noch kein Schmerz). Im Rückenmark wird dann, je nach Dringlichkeit, die Gefahrenmeldung an das Gehirn weitergegeben [3].

Dein Gehirn entscheidet dann, ob Schmerzen generiert werden sollen, oder nicht [3].

Dabei bedient es sich einer großen Palette an Einflussfaktoren. Wie zum Beispiel deiner Erfahrung, deinem momentanen Gemütszustand usw. [3].

Gehirn entscheidet ob akute Rückenschmerzen entstehen gezeichnet
Dein Gehirn entscheidet, ob es zu Schmerzen in deinem Rücken kommt oder nicht

Sind Schmerzen immer schlecht?

Wenn du zum Beispiel mit dem Fuß in eine Glasscherbe trittst, melden deine Sensoren im Finger: Achtung! Haut und Gewebe wurden verletzt [3].

Gehirn und Rückenmark analysieren diese Gefahrenmeldung und entscheiden dann, ob Schmerzen notwendig sind, um den Körper zu schützen. Im Fall mit der Glasscherbe werden höchstwahrscheinlich Schmerzen generiert. Damit verhindert dein Gehirn, dass du mit der Glasscherbe im Fuß noch einige Kilometer weiter läufst. Stattdessen wirst du nachschauen, was mit deinem Fuß überhaupt los ist. Im nächsten Schritt entfernst du, wenn möglich, die Glasscherbe und entlastest den Fuß. Voilá: die Wunde kann wunderbar heilen [3].

Das heißt, dein Körper besitzt ein super Warnsystem und Schmerzen sind eine absolut überlebenswichtige Sache [3].

Nach ein paar Stunden und Tagen wird der Schmerz immer leichter werden. Anschließend, nach maximal ein paar Wochen, verschwindet er dann komplett. Die Wunde an deinem Fuß ist geheilt und der Schmerz ist nicht mehr notwendig [3].

Entstehung akute Rückenschmerzen erklärt mit Glasscherbe im Fuß, Rückenmark und Gehirn
Bevor Schmerz entstehen kann, wird zunächst dein Gehirn über die mögliche Gefahr informiert

Soll ich mich jetzt also bei akuten Rückenschmerzen schonen?

Anders ist das bei akuten unspezifischen Rückenschmerzen. Hier fehlt die „Glasscherbe im Gewebe“. Es gibt also keinen Grund für dich, dich ruhig zu verhalten. Im Gegenteil. Moderate Bewegung und ein aktiver Lebensstil sind in diesem Fall die „beste Behandlung“[4,5]. Bei den aller meisten Patienten verbessert sich der Schmerz und die Funktion deines Rückens innerhalb von 4 Wochen von selbst [2].

Wenn es keine wirkliche Ursache gibt, wieso habe ich dann überhaupt akute Rückenschmerzen?

Grundsätzliche gibt es sogenannte Trigger, die Rückenschmerzen auslösen können. Zum Beispiel ein blöder Verheber, Müdigkeit, Stress, Angst oder eine Kombination aus allem. Trotzdem findet man bei einem Drittel der Menschen mit Rückenschmerzen nicht einmal diese Trigger. Die Schmerzen sind auf einmal da, ohne erkenntliche Ursache [5].

Warum der Schmerz trotzdem da ist und vielleicht auch eine Weile bleibt, erklären sich Wissenschaftler an Hand verschiedener Modelle. Zwei dieser Modelle werde ich dir hier ganz einfach erklären:

1. Das Prinzip der Neuroplastizität

Neuro…was? Ganz einfach erklärt, besagt dieses Prinzip, dass sich dein Gehirn, je nachdem welche Bereiche genutzt oder weniger genutzt werden, anpasst. Wenn du auf das Bild unter diesem Absatz schaust, siehst du die Landkarte deines Gehirns von deinem Körper [7].

Diese Landkarte zeigt dir, wo deine verschiedenen Körperteile liegen. Wenn ich dir jetzt sage, dass du deine Augen schließen sollst, würdest du vermutlich trotzdem den Finger zu deiner Nase führen können. Auf deiner Landkarte erscheinen Körperteile, die besonders viel und differenziert genutzt werden (wie zum Beispiel deine Hände) größer [7].

Homunculus gezeichnet
Die Landkarte unseres Körpers in unserem Gehirn

Wenn dein Leben entspannt verläuft und du dich über den Tag hinweg viel bewegst, arbeitest und Übungen machst, wird auch deine Landkarte „trainiert“. Die entsprechenden Körperteile, wie zum Beispiel dein Rücken werden dann klar und deutlich auf deiner Landkarte „angezeigt“. In dem Moment, in dem du Schmerzen erfährst bewegst du dich wahrscheinlich weniger und schonst deinen Rücken. Damit wird der Landkarten Teil „Rücken“ nicht mehr trainiert. Das hat zur Folge, dass das Bild von deinem Rücken auf der Landkarte unscharf wird. Dies passiert sogar relativ schnell [7].

Je unschärfer das Bild deines Rückens auf der Landkarte wird, desto mehr Schmerz empfindest du [7].

2. Die Theorie des sauren Gewebes

Weiter oben im Text habe ich dir von den Sensoren in deinem Körpergewebe erzählt, die Gefahrenmeldungen zu deinem Gehirn weiterleiten können. Eine bestimmte Art von diesen Sensoren reagiert auf chemische Änderungen in deinem Gewebe. Wie zum Beispiel die Veränderung deines PH-Wertes [8].

Diesen Wert kennst du vielleicht von deiner Haut. Wenn der PH-Wert deiner Haut passt, dann bietet er eine wunderbare Barriere für Eindringlinge von außen. Der PH-Wert ist aber nicht nur für deine Haut wichtig, sondern für alle Gewebsarten deines Körpers. Auch in den Faszien und Muskeln deines Rückens spielt er eine Rolle [8].

Wenn du lange in einer Position verweilst, egal ob auf der Couch lümmelnd oder vor dem PC in der Arbeit, wird aus dem Gewebe deines Rückens Flüssigkeit herausgepresst. Damit sinkt dein PH-Wert. Das heißt dein Gewebe im Rücken wird sauer [8].

In diesem Fall macht sauer leider nicht lustig [8].

Diese kleine  Änderung veranlasst nämlich deine Sensoren, Gefahrenmeldungen an dein Gehirn zu schicken: Das reicht manchmal aus, um Rückenschmerzen auszulösen [8].

Zitrone mit verzogenem Gesicht gezeichnet
Saures Gewebe in deinem Rücken kann Schmerzen verursachen

Zwei verschiedene Modelle, eine Wunderwaffe gegen akute Rückenschmerzen

Wahrscheinlich kannst du dir schon denken, was bei akuten unspezifischen Rückenschmerzen eine Lösung sein kann. Ja, genau: Bewegung. Sowohl im Büro, als auch im Alltag und sogar im Urlaub. Und damit ist nicht unbedingt ein schweißtreibendes Training gemeint. Kleine Bewegungsrituale, sowie eine aktive Alltagsgestaltung helfen bei Rückenschmerzen viel mehr, als „sich zu schonen“ und ins Bett zu legen [7,8].  Versuch es doch zum Beispiel mal mit:

  • einem regelmäßigen Wechsel deiner Sitzposition im Büro
  • das Trinken deines Nachmittagskaffees im Stehen
  • einem kleinem täglichen Spaziergang

Die angesammelte Säure wird dadurch wieder aus deinem Gewebe geschwemmt und die Landkarte in deinem Gehirn wieder scharf und deutlich [7,8].

Manchmal fällt uns ein bewegter Alltag schwer, gerade während wir konzentriert im Büro arbeiten. Wenn du magst, kannst du dabei den 8Clip als Unterstützung und Motivation zu mehr Bewegung nutzen.

Was du über unspezifische akute Rückenschmerzen gelernt hast

Du weißt jetzt, dass Rückenschmerzen immer im Gehirn entstehen. Eingebildete Schmerzen gibt es also nicht. Die meisten akuten Rückenschmerzen hier zu Lande sind unspezifisch. Dein Arzt findet also keine Ursache dafür. Es gibt Modelle, die den Rückenschmerz auf eine veränderte Landkarte im Gehirn und ein übersäuertes Gewebe zurückführen. Was du gegen die Schmerzen tun kannst? Bewegen.

Besser Wissen

Schmerzen sind durch äußere Umstände beeinflussbar. In einer Studie wurden Menschen eine Blutdruckmanschette so fest an ihren Arm gemacht, dass es weh tat.

  • Info für die erste Gruppe: Das ist ein Test, um ihre Schmerztoleranz zu ermitteln. Lassen Sie die Manschette so lange wie möglich dran.
  • Info für die zweite Gruppe: Es handelt sich hierbei um eine neue Technik, um die Muskeln im Oberarm zu stärken. Je länger die Manschette am Arm bleibt, desto mehr Muskelmasse gibt es im Anschluss.

Dabei stellten die Forscher fest, dass diejenigen, die dachten es handle sich um ein Muskeltraining, die Manschette doppelt so lang am Arm behielten, wie die erste Gruppe. Zusätzlich schüttete das Gehirn der zweiten Gruppe körpereigenen Schmerzhemmer aus. Du siehst also, positve Überzeugungen können dir helfen, Schmerzen besser auszuhalten und gleichzeitig körpereigene Schmerzhemmer auszuschütten [6].

 

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

[1] Schmidt,C.; Raspe, H.; Pfingsten, M. (2007): Back pain in the German adult population: prevalence, severity, and sociodemographic correlates in a multiregional survey. Spine 2007;32(18):2005-11.

[2] Wáng, Y., Wu, A. M., Ruiz Santiago, F., Nogueira-Barbosa, M. H. (2018). Informed appropriate imaging for low back pain management: A narrative review. Journal of orthopaedic translation15, 21–34.

[3] Butler, D.; Moseley, G. (2013): Schmerzen verstehen. 3. Auflage. Heidelberg: Springer.

[4] Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz – Kurzfassung, 2. Auflage. Version 1. 2017 [cited: 2019-06-06]. www.kreuzschmerz.versorgungsleitlinien.de.

[5] Australian Rheumatology Association: Low back pain. Reviewed December 2017. [cited: 2019-06-06]. https://arthritisaustralia.com.au/wordpress/wp-content/uploads/2018/01/LowBackPain_0118.pdf

[6] Benedetti F, Thoen W, Blanchard C, Vighetti S, Arduino C. Pain as a reward: changing the meaning of pain from negative to positive co-activates opioid and cannabinoid systems. Pain. 2013;154(3):361–367.

[7] Louw A, Farrell K, Landers M (2016): The effect of manual therapy and neuroplasticity education on chronic low back pain: a randomized clinical trialJ Man Manipulat Ther. 2016;1–8.

[8] Moseley, G.; Butler, D. (2017): Explain pain supercharged. The clinician’s manual. Adelaide: Noigroup Publications.