Wenn es um das Thema Bandscheibenvorfall geht, kursieren leider die wildesten Geschichten und Überzeugungen. Verbreitet durch das Internet, nette Verwandte und Hobby Mediziner. Dahinter stecken in den wenigsten Fälle die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. Wusstest du zum Beispiel, dass ein sehr großer Anteil der Bandscheibenvorfälle gar nicht mit Rückenschmerzen einhergehen? Nein? Dann sei gespannt auf evidenzbasierte und erstaunliche Infos.
Bandscheibenvorfall als häufigster Grund für Rückenschmerzen?
Wenn man mit Arbeitskollegen, Verwandten und Freunden spricht, erweckt es oft den Eindruck, dass Bandscheibenvorfälle der Grund Nummer 1 für Rückenschmerzen sind. Tatsächlich ist es so, dass 70% der Rückenschmerzen unspezifisch sind. Das heißt, dass niemand so genau weiß, woher die Schmerzen eigentlich kommen [10].
Nur insgesamt 4% der Rückenschmerzen im unteren Rücken werden tatsächlich durch einen Bandscheibenvorfall verursacht [10].
Bevor du noch mehr zum Thema Schmerzen und Bandscheibenvorfälle erfährst, bekommst du jetzt noch kurz erklärt was genau eigentlich ein Bandscheibenvorfall ist.
Die Bandscheibe fällt eigentlich nirgendwo hin
Wenn deine Bandscheibe bis jetzt eher eine wage Idee für dich ist, dann lies doch jetzt den Artikel über die Funktion der Bandscheibe, bevor du hier weiter machst. Dann fällt dir das Lesen dieses Artikels leichter.
Der Begriff Bandscheibenvorfall ist eigentlich physiologisch nicht ganz korrekt. Deine Bandscheibe als Ganzes bleibt nämlich wo sie ist. Sie fällt also nicht einfach raus oder vor. Vielmehr wird der äußere Ring deiner Bandscheibe mit zunehmendem Alter und Belastung spröde und bekommt kleine Risse. Er kann also die nötige Spannung nicht mehr so gut auf recht erhalten. Der gelartige Kern der Bandscheibe drückt dann in die Risse [1,2].
Dabei kann deine Bandscheibe ein klein wenig anschwellen und somit ihren Durchmesser Richtung Nerven und Rückenmark vergrößern. Wenn das passiert, spricht man von einer Bandscheibenprotrusion. Schreitet der Vorgang dann noch weiter voran, kann es passieren, dass das gelartige Innere der Bandscheibe durch die Risse hindurch „ausläuft“ und schließlich Richtung Rückenmark/Spinalnerven „fließt“ [1,2].
Voilà: ein Bandscheibenvorfall oder auch Bandscheibenprolaps [1,2].

Wie äußert sich ein Bandscheibenvorfall?
Grundsätzlich kann man sagen, dass bis zu 20% der Menschen unter 50 Jahren eine Bandscheibenvorwölbung auf einem MRT zeigen, aber keinerlei Symptome zeigen. Keine Rückenschmerzen, Taubheitsgefühle, oder Muskelabschwächungen [3-9].
Wenn du älter als 75 Jahre bist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du eine Bandscheibenvorwölbung hast, die aber keine Probleme macht, sogar bis auf 75% [9].
Selbst bei den Bandscheibenvorfällen bemerken mindestens 3 von 100 Menschen absolut nichts davon [3-9]. Und wie oben bereits erwähnt, sind nur 4% aller Symptome bezüglich des Rückens, wie zum Beispiel Schmerzen, auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen [10].
Die Wahrscheinlichkeit, dass deine Rückenschmerzen von einem Bandscheibenvorfall oder einer Bandscheibenvorwölbung her rühren sind also sehr gering.
Und was ist wenn ich zu den 4% gehöre?
Abhängig davon, wo der Bandscheibenvorfall auftritt können dann verschiedenste Probleme auftreten. Je nachdem welche Nerven von dem austretendem Bandscheibenmaterial geärgert werden, gibt es bestimmte Muskeln, die abgeschwächt sein können. Oder auch Hautareale die sich taub oder komisch anfühlen.
Ein weiteres Symptom sind ausstrahlende Schmerzen in Arme oder Beine/Po. Um das genauer bestimmen zu können, braucht es ein ausführliches Gespräch mit deinem Arzt und eine körperliche neurologische Untersuchung [11].
Was du aber fast nie brauchst, ist ein MRT oder ein Röntgenbild [15]. Davon wird sogar abgeraten, weil man herausgefunden hat, dass sich ein Bild negativ auf die Einstellung zu deinen Rückenschmerzen auswirken kann [10]. Es ist wichtig zu wissen, dass selbst Rückenschmerzen, die neurologische Symptome zeigen (also Missempfindungen, Abschwächung der Muskulatur oder ausstrahlende Schmerzen) sich meistens von ganz alleine innerhalb der ersten 4 Wochen verbessern [12,13].
Wichtig ist, dass du aktiv bleibst und dich in deinem möglichen Rahmen bewegst und wieder in die Arbeit gehst [11].
Die Frau mit dem Bandscheibenvorfall, aber keinerlei Rückenschmerzen
Um nochmal deutlich zu machen, dass selbst ein symptomatischer Bandscheibenvorfall, nicht gleich unaushaltbarer Rückenschmerz bedeutet, möchte ich dir noch eine kleine Geschichte aus der Physiotherapie Praxis erzählen. Zu mir kam eine junge Patientin, der beim Rasieren der Beine eine kleine taube Stelle am Unterschenkel aufgefallen war. Sonst nichts. Keine Schmerzen. Nirgendwo.
Nach dem ein MRT von ihrem Rücken gemacht worden war, stellte sich heraus dass sie einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule hatte. Du siehst also, dass ein Bandscheibenvorfall keinesfalls der Beginn eines Lebens voller Schmerzen bedeuten muss.

Muss man bei einem Bandscheibenvorfall nicht operieren?
Man weiß inzwischen, dass sich bei frühzeitig (innerhalb der ersten 48 Stunden) operierten Patienten die Schmerzen und neurologische Symptome rascher zurück bilden als bei nicht oder spät operierten Patienten. Aber: Nach Ablauf eines Jahres besteht kein signifikanter Unterschied mehr zwischen operierten und nicht operierten Patienten [11].
Der einzige Fall in dem eine Operation tatsächlich dringend notwendig ist, ist das so genannte Cauda Equina Syndrom. Dazu kommt es, wenn das ausgetretene Bandscheibenmaterial direkt auf das Rückenmark drückt. Aber keine Panik, nur bei 0,04% der Menschen mit Rückenschmerzen tritt dieses Syndrom auf [10]. Solltest du diese Symptome bei dir bemerken, such bitte schnellstmöglich einen Arzt auf [11]:
- Blasen-Mastdarmstörung (plötzlich auftretende Impotenz, schlaffe Lähmungen sowie der unwillentliche Verlust von Stuhl und/oder Harn)
- Reithosenanästhesie (sensible Störungen im inneren Gesäß- oder Oberschenkelbereich, wie Kribbeln, Kälte- oder Hitze-Empfindungen und Taubheit)

Was du über Bandscheibenvorfälle gelernt hast
Du weißt jetzt, dass ein Bandscheibenvorfall nicht unbedingt mit Rückenschmerzen zusammenhängt und eher selten auftritt. Außerdem hast du gelernt, dass die Bandscheibe nicht wirklich „raus fallen“ kann und die meisten Rückenschmerzen (auch gepaart mit neurologischen Symptomen) nach 4 Wochen von selber leichter werden und somit keiner Operation bedürfen. Wichtig ist es, egal, ob Bandscheibenvorfall oder nicht in Bewegung zu bleiben.
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.
[2] Krämer, R.; Matussek, J.; Theodoridis, T. (2013): Bandscheibenbedingte Erkrankungen. Ursachen, Diagnose, Behandlung, Vorbeugung, Begutachtung. 6. Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag.
[3] MRI Findings of Disc Degeneration are More Prevalent in Adults with Low Back Pain than in Asymptomatic Controls: A Systematic Review and Meta- Analysis.